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Münzvereine, insbesondere der Wendische Münzverein

Dr. Walter Holtz, Celle
in: money trend 11/1975, S.13-15
mit 8 Abbildungen, hier ersetzt durch Digitalfotos.


Zweck der deutschen Münzvereinigungen - der sogenannten Münzvereine - war es, der im 13./14. Jahrhundert zunehmenden Währungszersplitterung zu begegnen; diese hatte sich aus der Auflösung des königlichen Münzregals ergeben. Grössere Münzbezirke sollten geschaffen werden und die Münzen der Vertragspartner im Vertragsgebiet freien Umlauf haben. Zugleich sollte fremdes Geld, dessen Gehalt zweifelhaft war und das den Ertrag eigener Vermünzung schmälerte, dem gemeinsamen Währungsgebiet ferngehalten werden. Der Münzfuss sollte vereinheitlicht werden, das heisst, der Gehalt der umlaufenden Münzen an Feinsilber sollte übereinstimmen. Schliesslich sollte das Münzbild einander angeglichen werden.
Grundlage eines Münzvertrages war gleichartige Wirtschaftspolitik, wie sie sich meist ohnehin aus der räumlichen Nachbarschaft ergab.
Vereinsmünzen wurden nach den Bedürfnissen des Münzvereinsgebiets geprägt. In einigen Gebieten genügten Groschen und Schillinge, die in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts Eingang in Deutschland gefunden hatten, sowie Witten (Mehrpfennigstücke), Pfennige und die später als halber Pfennig geltenden Heller. In anderen Gebieten waren Goldgulden nach den in Italien geprägten Goldmünzen erforderlich. Die Münzen trugen die Wappen der Vertragspartner, so die Münzen des Rheinischen Münzvereins die Wappen der Kurfürsten von Mainz, Trier, Köln, der Pfalz und des Landgrafen von Hessen-Marburg. Die Grosssilberprägung des Wendischen Münzvereins brachte auf der Vorderseite der Münzen das Wappen oder Symbol der prägenden Stadt und auf der Rückseite die Wappen der drei übrigen Städte. Für Einzelprägungen wurden gemeinsame Münzkennzeichen festgelegt, so der sechsstrahlige Stern inmitten des Rückseitenkreuzes im Wendischen Münzverein (er hängt jedoch nicht zusammen mit der Anzahl der Hauptmitglieder des Wendischen Münzvereins: Lübeck, Hamburg, Wismar, Rostock, Lüneburg, Stralsund).
Die Entstehung der deutschen Münzvereine fällt in die Zeit von 1380 bis 1400. Als vorläufige und endgültige Gründungsdaten werden angesehen:
- beim Wendischen Münzverein 1373, 1377 und 1379
- bei den fränkischen Münzvereinen die Zeit zwischen 1377 und 1390
- beim Rheinischen Münzverein 1386
- beim oberrheinischen Rappenmünzbund 1387 und 1403
- beim Schwäbischen Münzverein die Zeit ab 1396
Die Blütezeit der Münzvereine fällt in das letzte Viertel des 14. und in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts.
Das Ende der Münzvereine liegt im 16. Jahrhundert, zum Beispiel Rheinischer Münzverein 1537, Wendischer Münzverein um 1570 (letzter Münztag des Wendischen Münzvereins am 7.2.1569). Ihr Erlöschen kam nicht von ungefähr, sondern beruhte darauf, dass mit der Reichsmünzordnung von 1524 im Reich gleichgerichtete Reformbestrebungen in Gang kamen, die politische Bedeutung der Städte absank und vor allem die Einführung des Talers eine normgebundene grosse Silbermünze schuf, die eine Vereinfachung des deutschen Münzsystems zur Folge hatte, (deshalb wird von hier ab mit Fug die numismatische "Neuzeit" gerechnet). Eine formelle Auflösung der Münzvereine erfolgte nicht, die Münzvereine wurden nur durch die neuen Umstände gegenstandslos, zumal die Münzkreise des Reiches Aufsichtsbefugnisse wahrnahmen.
Die Verbreitungsgebiete der Münzvereine lagen im Westen und Südwesten des Altreichs, wo Fürsten und Städte als Münzstände am zahlreichsten vertreten waren, so im Elsass, am Rhein bis in die Schweiz hinein, in Schwaben, Franken und in den Niederlanden. Hier überall galt es, das Stadt- und Territorialgeld in einem grösseren Gebiet umlaufsfähig zu machen und die Münzverhältnisse zu ordnen.

Abgrenzung
Nicht zu den "Münzvereinen" rechnen die Vereinbarungen, die nach dem Scheitern der Reichsmünzordnungen zwischen Landesherren abgeschlossen wurden, angefangen von dem in Kloster Zinna geschlossenen Vertrag zwischen Kurbrandenburg, Kursachsen und Braunschweig-Lüneburg von 1667 (Kloster Zinna liegt in der Mark Brandenburg im Norden des Flämings bei Jüterbog; Inhalt der Abmachungen: Münzung von Taler-Teilwerten zum Betrage von 10½ Talern aus der Mark Feinsilber von rund 234 g) bis zu der vorläufigen Vollendung der deutschen Münzeinheit 1857 im Deutsch-Österreichischen Münzverein mit der Schaffung des Vereinstalers.

Der Wendische Münzverein
Der Name "Wendisch" ist der Gliederung der Hanse entnommen, die neben dem Sächsischen, dem Westfälischen, später dem Preussischen ein "Wendisches Drittel" (später "Viertel") zur verfassungsmässigen Grundlage hatte. Zum Wendischen Drittel gehörten mit Lübeck die Städte Hamburg, Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswald und Lüneburg. Andere Städte schlossen sich zeitweise an, doch blieben die genannten sechs unter Führung von Lübeck die wichtigsten. Die Bezeichnung "Wendisch" erscheint auch auf Münzen, so auf dem Lüneburger "Wendentaler" von 1541, einer Zwei-Mark-Vereinsprägung mit den ins Kleeblatt gestellten Wappenschilden von Lübeck, Hamburg und Lüneburg auf der Rückseite. Wismar, Rostock und Stralsund auf der Vorderseite, dazu auf beiden Seiten der Löwenschild von Lüneburg und die Jahreszahl 1541.



Wendentaler. 2 Mark 1541 (1544?) von Lüneburg.       Ø 41 mm, 28,73 g.   Berlin, Bode-Museum, Raum 243
Vs.:  MONET° CIVITAT° WANDAL° = Moneta Civitatum Wandalicarum oder Wandaliae = Geld der Wendischen Bündnisstädte
Rs.:  STAT° DVA° MARCAR° LVBECN° = Status Duarum Marcarum Lubecensium = Im Werte von 2 Lübecker Mark



Hamburg, ⅔ Mark 1505 (nicht 1707!).     Ø 36 mm, 14,34 g.
Vs. Stadtwappen (mit Nesselblatt im Tor) auf Kreuz.
Rs. Madonna mit Kind auf Mondsichel, umher Strahlenkranz.

Das Wort "Wendisch" geht auf die Lage der Städte - mit Ausnahme von Lüneburg (und Hannover, das dem Münzverein erst später beitrat und nur vorübergehend angehörte) - im ostdeutschen Siedlungsgebiet zurück. Hier ursprünglich ansässige Slawen ("Wenden") gaben den Namen für das ganze Gebiet ab. Prägungen unter Heinrich I. und Otto I., die längs der Linie Mittelelbe-Saale zwischen Magdeburg und Naumburg entstanden, wurden entsprechend "Wendenpfennige" genannt (heute richtiger: Sachsenpfennige).
Als sogenannte geschichtliche Landschaft ist der Name Wenden im mecklenburgischen Fürstentum "Wenden" mit der Hauptstadt Güstrow, in Hinterpommern für das Herzogtum "Wenden" um Schlawe, Stolp und Lauenburg erhalten, das neben Cassuben unter dieser Bezeichnung in den brandenburgisch-preussischen Herrschaftstitel - auch auf Münzen - eingegangen ist, ferner heute noch im "Wendland" für das Gebiet um Lüchow und Dannenberg ostwärts bis zur Eibe.

Mitglieder
Der Verbindung von Lübeck und Hamburg von 1255 schlossen sich 1379 Wismar an, später zeitweise Rostock, bis 1384 Stralsund sowie einige pommersche Städte. Alle Mitgliedsstädte in führender Stellung gehörten der Hanse an.
Unter den deutschen Münzvereinen ist der Wendische Münzverein der einzige, der von vornherein nur von Städten ins Leben gerufen und von ihnen getragen worden ist. Abgesehen von der Freien Reichsstadt Lübeck waren alle Mitglieder Landstädte; frei von dynastischen Interessen konnten sie ihre wirtschaftlichen Belange im Münzwesen zur Geltung bringen.

Vereinsmünzen
Sie wurden "wentlandesch ghelt" genannt. Zunächst kam es zu Einzelprägungen: Jede Stadt führte ihr Hoheitszeichen und ihren Stadtnamen weiter, das gemeinsame Kennzeichen bildete ein sechsstrahliger Stern im sogenannten Kreuzrund, das ist die Mitte des auf der Rückseite befindlichen gleichschenkligen "befussten" Kreuzes. Einen solchen sechsstrahligen Stern führten allerdings auch



Wismar, Witten o. J. (1379-1410).     Ø 19 mm, ca.1,2 g.
Vs. * CIVITAS: MAGnOP     Stierkopf
Rs. * MOnETA:WYSMAR     Blumenkreuz mit 6strahligem Stern im Kreuzrund

dem Wendischen Münzverein nicht angehörige Städte wie Flensburg und die mecklenburgischen Städte Parchim, Güstrow, Malchin und Friedland. Später blieb das Kreuzrund leer und wurde von einem, drei oder fünf Punkten, einer Rosette oder einem Buchstaben eingenommen. Die zeitliche Ansetzung hierfür ist nicht gesichert.
Anfangs wurden Witten im Werte von 4 Pfennigen (und ¼ Witten, 1 Pfennig wert) geprägt. Das Gewicht der Witten betrug 1,23 g bis 1,28 g. Später ging man zu Dreilingen (ternarii, 3 Pfennige) und Sechslingen, (6 Pfennige) über. Die Dreilinge wogen rund 1 g, die Sechslinge 1,4 g bis 1,75 g bei einem Durchmesser von 17 beziehungsweise 22 mm und einem Feingehalt von 750/1000 (12 Lot).


Lübeck. Sechsling, nach dem Rezess v. 1392, beidseitig mit Stadtschild zwischen 3 Punkten.     Ø 23 mm, ca.1,7 g.
✶MOnETA⨯LVBICEnSIS   /   ✶CIVITAS⨯IMPERIALIS

Als Gepräge war für beide Münzseiten das Stadtwappen im Schilde vorgesehen, wobei Wismar den gespaltenen Schild (halb Ochsenkopf, halb Balkenschild) verwendete. Daneben wurden Hohlpfennige geprägt.
Ab 1432 prägte der Wendische Münzverein Schillinge im Werte von 3 Witten = 12 Pfennigen. Die Schillinge wogen 2,23 g bis 2,46 g, hatten einen Feingehalt von 625/1000 (10-lötig) und stellten mit einem Durchmesser von rund 24 mm ansehnliche Münzen dar. Auf der Vorderseite trugen sie das Stadtwappen, auf der Rückseite das "befusste Kreuz", ein weiteres gemeinsames Kennzeichen fehlte. Die Schillingwährung galt in Lübeck und Hamburg bis zur Einführung der Reichswährung 1873.
1468 wurden in Hamburg und Lübeck Doppelschillinge geprägt, von Lüneburg und Wismar sind derartige Münzen nicht bekannt. Sie waren mit einem Durchmesser von fast 30 mm und einem Gewicht von 3,25 g bis 3,40 g das damals grösste und beste Geldstück Norddeutschlands.
Nach 1500 begannen die Städte des Wendischen Münzvereins mit der Grosssilberprägung. Sie war durch die Bedürfnisse des Handelsverkehrs geboten. Venedig und Tirol hatten hierzu die Beispiele gegeben: In Venedig prägte der Doge Nicolo Trono 1472 eine 6,5 g schwere Silberlira, in Tirol entstand 1486 der erste Taler als "Guldengroschen", die erste dem Goldgulden im Silberwert entsprechende Silbermünze. 1515 folgte der Joachimsthaler. 1504 wurde die Lübische Silbermark zur Grundlage des Währungssystems gemacht. Damit wurde die Lösung vom Goldwert des Golddukaten vollzogen. Geprägt wurden zunächst 1/3 Markstücke = 16 Witten, 7 g bis 7,25 g schwer, im Durchmesser fast 30 mm.


Lübeck. ⅓ Mark 1502 (nicht 1702).     Ø 31 mm, 7,15 g.
Vs. Schild mit Doppeladler auf Kreuz.
Rs. Wappen von Hamburg, Lüneburg und Wismar um kleines Wappen von Lübeck ins Dreieck gestellt.


Lüneburg. Mark 1506.     Ø 36 mm, 19,25 g.
Vs. Dreitürmige Burg, im Tor Löwenschild.
Rs. Wappen von Lübeck. Hamburg und Wismar um den Braunschweiger Löwen ins Dreieck gestellt.

2/3 Markstücke folgten, 14,4 g schwer, 35 mm im Durchmesser. Schliesslich wurden von Lübeck, Hamburg, Wismar und Lüneburg 1/1 1/2 und 1/4 Markstücke geprägt (diese als Semis und Quadrans Marc(a)e Lubicensis bezeichnet). Lübecker und Lüneburger Markstücke wogen etwa 19,2 g bei einem Feingehalt an Silber von etwa 18 g. Im Rahmen des Wendischen Münzvereins wurde damit zum erstenmal die Mark, die bis dahin nur Gewichtsmark war, das heisst, die Verkörperung eines bestimmten Gewichtes darstellte, als Münze zu 16 Schillingen ausgeprägt. Die Vorderseiten zeigten das Wappen der jeweils prägenden Stadt oder ihren Patron (so Hamburg die Madonna in der Mandorla mit der Jahreszahl 1506), die Rückseiten führten die Wappen der übrigen drei Städte. Diese Prägungen reichen bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts, also bis zum Ende des Wendischen Münzvereins.


Hamburg. 1/4 Mark 1506.     Ø 26 mm, 4,74 g.
Vs. MonETA nOV - hAMBVRGEn'     Madonna über Stadtwappen in Mandorla.
Rs. Wappen von Lübeck, Lüneburg und Wismar ins Dreieck (mit Jz. I5०6) gestellt.

Nicht irreführen darf, dass die Zahlzeichen der gotischen Schrift die Ziffer 5 gelegentlich als 7 darstellen (herumgeschwenktes Zeichen, wie bei C, D und G gewohnt). 1706 bedeutet also hier in Wahrheit 1506 und 1707: 1505.

Ende der Vereinstätigkeit
Im Jahre 1569 stellte der Wendische Münzverein seine Tätigkeit ein. Ab 1572 wurde in den vier Städten Lübeck, Hamburg, Wismar und Lüneburg nach der Reichsmünzordnung von 1559 geprägt, das heisst, die Vorderseite zeigt das Stadtwappen oder den Stadtheiligen, die Rückseite den kaiserlichen Doppeladler mit Namen und Titel des Kaisers. Die Rechnungseinheiten Schilling und Mark wurden bis zur Einführung der Reichswährung 1873 beibehalten.
Der Einfluss des Wendischen Münzvereins erstreckte sich auf Mecklenburg, Pommern, Holstein, Dänemark, die Altmark, Niedersachsen bis nach Westfalen; gegengestempelte Stücke weisen dies aus. Das Geld des Wendischen Münzvereins wurde zwar keine internationale Handelsmünze, die Vereinigung stand jedoch am Anfang der Bestrebungen zur Vereinheitlichung des deutschen Münzwesens.



Wismar. Mark 1550.     Ø 35 mm, 18,96 g.
Vs.   MOИETA¤NOVA¤WISMARIEИSIS     Wappen von Wismar auf Kreuz.
Rs.   STATVS¤MARCE¤LVBICENSIS¤1550     Wappen von Lübeck, Hamburg und Lüneburg um Wismarer Balkenschild ins Dreieck gestellt.


Literatur
• Wilhelm Jesse: Der Wendische Münzverein. Lübeck 1928. Nachdruck Braunschweig 1970
• Arthur Suhle: Deutsche Münz- und Geldgeschichte von den Anfängen bis zum 15.Jahrhundert. 3.Aufl., Berlin 1964
• John Porteous: Münzen, Geschichte und Bedeutung in Wirtschaft. Politik und Kultur. Frankfurt/M. 1969


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