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      Anspruchswappen auf Münzen      

Wappen bezogen sich zunächst auf Personen und Familien. Später wurden viele Familienwappen auf deren Herrschaftsgebiete übertragen. Solche eingebürgerten Landeswappen wurden von den Landesherren übernommen. So entstanden Besitzwappen. Im Gegensatz dazu stehen die Anspruchswappen. Sie beziehen sich auf Besitzungen, die der Landesherr beansprucht aber nicht besitzt. Als schliesslich grössere Territorien durch Zusammenlegung einzelner Herrschaften entstanden, wurden auch deren Wappen zu mehrfeldrigen Gesamtwappen zusammengefasst. Neben Besitz- und Familienwappen konnten auch Anspruchswappen im Gesamtwappen eines Territoriums oder seines Herrschers auftreten.

Beispiele für Anspruchswappen
Anspruch Englands auf Frankreich
Ks. Maximilians diverse Ansprüche
Habsburgs Anspruch auf Württemberg
Brandenburgs Anspruch auf Pommern

2. Teil (neue Seite):
Ansprüche auf Jerusalem

3. Teil (weitere Seite):
Ansprüche auf Jülich-Kleve-Berg

Anspruch Englands auf Frankreich
1340 erhob König Edward III. von England Anspruch auf den französischen Thron. Daher nahm er die französischen Lilien in sein Wappen auf. England beherrschte auch im Hundertjährigen Krieg (ab 1337) vorübergehend weite Gebiete Frankreichs. Doch 1558 verlor Königin Maria Tudor mit Calais den letzten englischen Besitz auf dem Festland. Der erhobene Anspruch blieb aber bestehen. Die französische Revolution schaffte 1792 das Königreich ab. In den folgenden Friedensverhandlungen mit England forderte Frankreich, England müsse auf den französische Thron verzichten. Doch erst 1801 verzichtete der regierende englische König Georg III. offiziell auf den Anspruch auf das franzische Königreich. Gleichzeitig verschmolz Großbritannien (England und Schottland) mit Irland zum "Vereinigten Königreich von Großbritannien und Irland".


George III. von Braunschweig-Hannover, König von Großbritannien, 1760-1820.
Guinea 1786.
    Ø 25 mm, 8,38 g.   Seaby 3728 ; Friedberg 355
Vs.:   GEORGIVS·III - DEI·GRATIA·   Belorbeertes Brustbild nach r.
Rs.:   M·B·F·ET·H·REX·F·D·B·ET·L·D·S·R·I·A·T·ET·E 17-86
Magnae Britanniae, Franciae ET Hiberniae REX Fidei Defensor, Brunsvicensis ET Luneburgensis Dux,
Sacri Romani Imperii Archi Thesaurarius ET Elector
"König von Grossbritanien, Frankreich und Irland, Verteidiger des Glaubens,
Herzog von Braunschweig und Lüneburg, des Hl. Römischen Reiches Erzschatzmeister und Kurfüst"
Gekröntes quadriertes Wappen:  England & Schottland | Frankreich | Irland | Braunschweig (2 Löwen) -
Lüneburg, Niedersachsen (Welfenross) & Erzschatzmeisterschild (Kaiserkrone im Herzwappen).
Den Titel "Fidei Defensor" ("Verteidiger des Glaubens") hatte Heinrich VIII. erworben. Er wird immernoch von Königin Elisabeth II. geführt. Braunschweig-Lüneburg wurde 1692 Kurfürtentum und stellte ab 1710 den "Erzschatzmeister".

Die britischen Könige aus dem Haus Hannover übertrugen den englischen Anspruch auf Frankreich auch auf ihr deutsches Stammland. Als Kfst. Georg Ludwig von Braunschweig-Calenberg-Hanover 1714 König Georg I. von Großbritannien wurde, übernahm er sogleich den Anspruch auf Frankreich für sein Stammland, sowohl im Titel wie im Wappen.


Georg I., König von Großbritanien (1714-27) und Kfst. von Hannover (1698-1727).
Reichstaler 1717, Clausthal.   Ø 42 mm, 29,03 g.   Müseler 10.6.1/5c; Welter 2237; Dav.2070.
Ausbeute der Harzer Gruben.
Vs.:   GEORGIUS D G MAGnae BRITanniae FRanciae ET HIBerniae REX Fidei Defensor 17 - 17
Löwe und Einhorn halten das gekrönte, quadrierte Wappen, umgeben vom britischen Hosenbandorden:
HONI SOIT QUI MAL Y PENSE   "ein Schelm, wer Böses dabei denkt"
darunter alter englischer Wahlspruch (Am Hof sprach man französisch.):

DIEU ET MON DROIT   "Gott und mein Recht".
Rs.:   BRUNsvicensis ET LUNeburgensis DUX Sacri Romani Imperii ARCHITHESaurarius ET ELector
Welfenross auf Bodenstück n. l.,   darunter H.C.B. (Mzm. H. C. Bonhorst)
Randschrift:   DAS ¤ LAND ¤ DIE ¤ FRUCHTE ¤ BRINGT ¤ IM ¤ HARTZ ¤ DER ¤ THALER ¤ KLINGT

Ks. Maximilians diverse Ansprüche
Maximilian I. war Anfang 1508 mit einem Heer in Italien erschienen. Mit Zustimmung des Papstes liess er sich am 4. Februar im Trienter Dom durch den Bischof von Gurk, Matthäus Lang, zum "erwählten römischen Kaiser" ausrufen. Die Venezianer verwehrten Maximilian I. den Durchzug durch ihr Gebiet auf dem Weg nach Rom zur Kaiserkrönung. Allgemein wird angenommen, dass die Kaiserausrufung in Trient eine Folge der Durchreiseverweigerung war. Doch die Verhandlungen über einen Durchzug nach Rom und dessen Verweigerung durch Venedig fanden nach der Trienter Kaiserausrufung statt. [Luschin v. Ebengreuth, 1903]
Zum Anlass der Kaiserausrufung in Trient liess Maximilian in Hall das aufwendigste seiner Schaustücke prägen: einen doppelten Guldiner mit 53 mm Durchmesser. Dann schickte er am 9.12.1508 seinen Gesandten Lucca de Rainaldis erneut nach Venedig und liess dem Dogen einen goldenen und den Herren der Signoria einen silbernen Schauguldiner überreichen. 1509 liess der Kaiser an die 100 weitere Stücke prägen, jetzt mit Jahreszahl. 1517 wurden weitere Stücke in Antwerpen nachgeprägt. [Egg, S.39]


Doppelschauguldiner 1509, Hall.   Ø 53 mm, 61,15 g.   Egg S.156/13; M./T.82var; Dav.282A
Vs.:   ¤MAXIMILIAИVS·DEI·GRA·ROM·IMP.SEMP:AVG·ARCHIDVX·AVSTRIE.
Der nach rechts reitende, geharnischte und gekrönte Kaiser, in der Rechten die geschulterte Reichsfahne, darunter die Jahreszahl.
Die Decke des Turnierpferdes ist mit dem Reichsadler und den Burgundischen Feuereisen geschmückt,
am unteren Teil erscheint die bescheidene Devise des Kaisers: HALT MAS IИ ALИ DIИG.

Rs.:   ¤PLVRIVMQ·EVROPE·PROVIИCIAR'.REX·ET·PRIИCEPS·POTEИTISIM
"König über die meisten Länder Europas und mächtigster Fürst" (!)
Das gekrönte Reichswappen (Doppeladler), umgeben von der Kette des Goldenen Vlieses, umgeben von 7 gekrönten Wappen (von links): Alt-Ungarn, Aragón/Neapel, Dalmatien (3 Löwenköpfe), Portugal, Böhmen, England und Österreich. Im äusseren Kreis 19 weitere Wappen der österreichischen und habsburgischen Erblande (von unten nach rechts): Seeland, Luxemburg, Limburg, Artois, Lothringen, Holland, Brabant, Flandern, Burgund, Alt-Österreich (5 Adler), Steiermark, Kärnten, Tirol, Schwaben (3 Löwen), Habsburg, Krain, Oberelsass, Österreich ob der Enns und Cilli (in Slowenien).
6 dieser 27 Wappen sind Anspruchswappen!
Kaiser Maximilian hat bestimmt eine grosse Freude gehabt, als man ihm das erste Exemplar dieses Doppeltalers vorlegte. Gewiss hatte er persönlich das Anbringen einer Vielzahl von Wappen angeordnet, ohne sich im Detail darum zu kümmern, ob er auch Anrecht auf diese verschiedenen Länder und Provinzen hatte. Der König von England war wohl kaum begeistert, als er sein Wappen auf einer Münze Maximilian's vorfand, auch Aragon (Maximilians Sohn hatte dorthin geheiratet) und Portugal (seine Mutter war eine portugiesische Prinzessin) gehörten nicht zum Reich. Mit Böhmen und Ungarn war 1506 gerade ein Doppelehe- und Erbvertrag abgeschlossen worden. Schliesslich war da noch das Herzogtum Lothringen, das zwar von seinem Schwiegervater, Karl dem Kühnen von Burgund, kurzfristig besetzt worden war, jetzt jedoch nicht mehr Maximilian gehörte!
Weitere Münzprägungen Maximilians mit mehreren Anspruchswappen sind nicht bekannt. Der Kaiserguldiner mit dem Huftbild führt auf der Ruckseite immerhin das Anspruchswappen von Ungarn und die gleiche hochgeschraubte Umschrift.
Das ausgefallene Wappengebilde obiger Schauprägung wurde Vorlage für das Titelblatt eines Sammelbandes mit theologischen Schriften aus Strassburg, 1512 : Oben der thronende Kaiser und seine Enkel, unten die Widmung an Maximilian I. Aus Gründen der Symmetrie kam noch das Wappen von Pfirt (2 Fische) hinzu.   [Martinus-Bibliothek Mainz, Exponat Nr.923 der Maximilian-Ausstellung, Wetzlar 2002]
Auf obiger Schaumünze erscheint wohl erstmals eine grosse Ansammlung von Wappen, mit der die Macht des Prägeherrn unterstrichen werden sollte. Später wird man Wappen platzsparender zu viel-feldigen Gesamtwappen zusammenfassen, z. B. in nachfolgendem Taler von Ks. Rudolf II.

Lit.:
• A. Luschin v. Ebengreuth: Denkmünzen Kaiser Maximilians I. auf die Annahme des Kaisertitels
    (4. Feb.1508)
  in: NZ 35(1903) 221-224   als PDF

Habsburgs Anspruch auf Württemberg
Als der zügellose Herzog Ulrich aus seinem Stammland Württemberg 1519 vertrieben wurde, übernahmen die Habsburger Kaiser Karl V. und sein Bruder Ferdinand das Land. 1534 erhielt Ulrich sein Land zurück, wenn auch nur als österreichisches Afterlehn. Ferdinand blieb weiterhin "Herzog von Württemberg". Ulrichs Nachfolger konnten 1599 die "Afterlehenschaft" ablösen und die Reichsunmittelbarkeit wiedererlangen: Kaiser Rudolf II. vergab das Herzogtum als Reichslehen, behielt aber das formale Recht, den Herzogtitel und das Anspruchswappen für Württemberg weiterzuführen und zu vererben. So fanden die württembergischen Hirschstangen einen Platz im bis zu 16-feldigen Wappen auf manchen Habsburger Talern der Folgezeit.


Kaiser Rudolf II., 1576-1612.   Doppeltaler 1604, Hall.    Ø 46 mm, 57,18 g.   M./T.362; Dav.3004
Vs.:   RVDOLPHVS II·DeiGratia:ROManorum:IMperator:SEMper:AVgustus: GERmaniae:HVngariae:BOhemiae:REX:
Geharnischtes Brustbild mit Lorbeerkranz, umgelegtem Mantel und Orden vom Goldenen Vlies,
Jz. an der Schulter.

Rs.:  NEC NON ("nicht minder") ARCHIDVCES - Austriae·DVCes:BVRgundiae:COmites:TIROLis
Gekröntes, 15-feldiges Wappen, umher die Kette des Ordens vom Goldenen Vlies.
1. Reihe: Altungarn, Tirol (Adler), Böhmen
2. Reihe: León, Burgund, Österreich (Bilde), Kastilien
3. Reihe: Kärnten (gespalten), Krain (Adler), Steiermark (Panther), Görz (schräg geteilt)
4. Reihe: Burgau (gespalten), Schwaben (3 Löwen), Württemberg (3 Hirschstangen),
Elsaß (Schrägbalken und 6 Kronen)
Mit den Wappen von León, Burgund und Kastilien wird an die Herkunft Rudolfs erinnert. Mit Ausnahme des Anspruchswappens von Württemberg sind die übrigen Wappen Besitzwappen. (In Schwaben besass Habsburg ein paar Landstriche.) Das Anspruchswappen für Württemberg findet sich auf Talern von Rudolphs Nachfolger bis hin zu Ks. Josef I. (1705-1711).

Brandenburgs Anspruch auf Pommern
Pommern wurde 1250 ein Lehen der Markgrafen von Brandenburg. Mit wechselndem Erfolg versuchte Pommern seitdem die Reichsunmittelbarkeit zu erreichen. Herzog Bogislaw X. von Pommern verweigerte 1476 die von seinem Vater 1472 noch anerkannte Lehnshoheit Brandenburgs und erreichte 1493 vom Kurfürsten Johann von Brandenburg die Befreiung von der Lehnspflicht. 1497 reiste Bogislaw nach Innsbruck zu König Maximilian I., wo er sich Pommern als Reichslehen übertragen ließ. Auf dem Reichstag zu Worms 1521 erwirkte Bogislaw trotz Protest Brandenburgs die förmliche Anerkennung Pommerns als Reichsfürstentum durch Ausstellung eines kaiserlichen Lehnsbriefes. Erst 1529 erkannte Brandenburg die Unmittelbarkeit Pommerns an. Dafür wurde Brandenburg das erbliche Nachfolgerecht zugesichert für den Fall des Aussterbens der pommerschen Herzöge. Als 1637 der letzte Herzog von Pommern starb, verwehrte Schweden den Abfall von Pommern an Brandenburg.


Joachim I., "Nestor", Kurfürst von Brandenburg, 1499-1535.
Guldengroschen 1521, Frankfurt/Oder.     Ø 41 mm, 28,5 g.   Bahrfeldt 294 ; Dav.8945
Vs.:   :IOACHIM:MARCHIO:BRANdenburgici:PRINceps:ELECTor:
"Joachim, Markgraf von Brandenburg und Kurfürst"
Brustbild im Kurornat und mit Kurhut, mit der Rechten das Zepter schulternd.

Rs.:   :MONEta:NOva:ARGENtea:PRINcipis:ELECToris:BRANDenburgici:
"Silbergeld des Kurfürsten von Brandenburg"
4-feldiges Wappen: Brandenburg (Adler), Pommern (Greif), Burggrafschaft Nürnberg, Zollern (quadriert).
Im Mittelschild das Reichszepter von Kurbrandenburg, oben die Jahreszahl.
Als dieser Taler 1521 erschien, war der Anspruch auf Pommern strittig. Nachdem 1529 das Nachfolgerecht geklärt war erinnern spätere Kurfürsten von Brandenburg in ihrem Wappen weiterhin auf diesen Anspruch.

2. Teil :   Ansprüche auf Jerusalem         3. Teil :   Ansprüche auf Jülich-Kleve-Berg


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