Nur wenige noch wissen heute mit dem Namen des Heimatforschers und Numismatikers Gustav Schöttle etwas zu verbinden. Allenfalls in Tübingen, wo er am 23. März 1932 hochbetagt verstorben ist, sowie in württembergischen Münzkreisen erinnert man sich bisweilen noch seiner Werke, da er als der «Entdecker» des Tübinger Pfennigs gilt und seine Forschungen sich vorwiegend auf den südwestdeutschen Raum konzentrierten. Darüber hinaus beschäftigte er sich aber auch mit der Münz- und Geldgeschichte der umliegenden Regionen sowie mit allgemeinen numismatischen Problemen, publizierte in österreichischen und Schweizer Zeitschriften und war Mitglied in- und ausländischer numismatischer Vereinigungen. So genoss er zu Lebzeiten allgemeines Ansehen - wie unter anderem mehrere Verweise in Schrötters Wörterbuch belegen -, auch wenn es ihm nicht mehr vergönnt war, eine numismatische Monographie zu verfassen.
Durch die Beschäftigung mit einem Teil seines Nachlasses im Tübinger Stadtmuseum im Jahr 1990 ergab sich für den Verfasser die Gelegenheit, sich eingehender mit dem überaus reichen Werk Gustav Schöttles zu beschäftigen. So soll sein 150. Geburtstag zum Anlass dienen, durch die erstmalige Veröffentlichung eines umfassenden Schriftenverzeichnisses seine Werke wieder einem breiteren Publikum nahezubringen. Natürlich erhebt die Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Gustav Schöttle wurde am 26. Februar 1846 in dem inzwischen nach Stuttgart eingemeindeten Ort Botnang geboren. Mit zwanzig Jahren trat er in den württembergischen Postdienst ein. Erst später legte er die Prüfungen für den höheren Postdienst ab und promovierte schliesslich in Tübingen im Jahr 1883 mit der Arbeit «Der Telegraph in administrativer und finanzieller Hinsicht» (1)*). Darauf wurde er nach Ravensburg versetzt. Infolge einer Erkrankung trat er im Jahr 1893 in den vorzeitigen Ruhestand und übersiedelte nach Tübingen. Dort widmete er sich zunächst der Lokalgeschichte, was in seinen umfangreichen und fundierten Aufsatz über die Tübinger Verfassung im Spätmittelalter mündete (2). Darauf folgten die ersten numismatischen Veröffentlichungen. Den Auftakt bildet ein längerer Zeitungsartikel(!) im Schwarzwälder Boten (5). In diesem identifizierte er, ausgehend vom kurz zuvor aufgefundenen Münzschatz in der Tübinger Langen Gasse, die bisher unbestimmten neckarschwäbischen Dreiturmpfennige mit den aus Urkunden längst bekannten Tübinger Pfennigen. Auf vielfache Aufforderung seitens der Fachgelehrten arbeitete er später für das Jahrbuch des numismatischen Vereins zu Dresden sowie für die Tübinger Blätter eine erschöpfende Abhandlung über das tübingische Münzwesen im Hochmittelalter aus (12). Zwischen 1905 und den frühen 20erJahren folgten eine Reihe von numismatischen und wirtschaftsgeschichtlichen Abhandlungen vorwiegend Oberschwabens und der Schweiz. Ein Zeugnis für die eindringliche Beschäftigung mit der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Münz- und Geldgeschichte stellt unter anderem auch der Teil seines Nachlasses im Tübinger Stadtmuseum dar, bei dem es sich grossteils um Gipsabgüsse als Studienobjekte und Abbildungsvorlagen für seine zahlreichen Veröffentlichungen handelt. Bei einer Durchsicht der Publikationsliste fallt auf, dass Schöttles Interesse über die «einfache Münzkunde» hinausging und meist geldgeschichtliche Phänomene wie Inflationen, Münzpolitik und Manipulationen sowie kultur- und wirtschaftshistorische Zusammenhänge thematisierte. So verbindet sich sein Name nicht nur mit dem Tübinger Pfennig, sondern seine Arbeiten über die sogenannten Kipper-Zeiten (1620/1623: 10, 20, 29, 31, 42, 45; kleine Kipperzeit um 1700: 6) sind auch heute noch aktuell und lesenswert. Ein Teil seiner Aufsätze, so die Arbeit über die Lindauer Münzprägung (7) und die Ausführungen in den württembergischen Oberamtsbeschreibungen (21, 33), sind durch neuere monographische Werke und neue Reihen wie die baden-württembergischen Kreisbeschreibungen wenn auch nicht überholt, so doch darüber in Vergessenheit geraten. Seit 1906 war Gustav Schöttle Mitglied der Numismatischen Gesellschaft zu Wien sowie der Bayerischen Numismatischen Gesellschaft. Fünf Jahre später trat er dem Württembergischen Verein für Münzkunde und der Schweizerischen Numismatischen Gesellschaft bei. Im Laufe der zwanziger Jahre nahm seine Schaffenskraft alters- und krankheitsbedingt leider merklich ab. Er verstarb im Alter von 82 Jahren in Tübingen. *) Die Zahlen beziehen sich auf die Numerierung der Veröffentlichungen von Gustav Schöttle im angefügten Verzeichnis. Schriftenverzeichnis Gustav Schöttle
(mit Hinweisen auf Rezensionen)
I. Monographie: 1. Der Telegraph in administrativer und finanzieller Hinsicht. II. Aufsätze: 2. Zum Verkehrswesen in Rottenburg a.N. von 1514 bis 1574. 3. Verfassung und Verwaltung der Stadt Tübingen im Ausgang des Mittelalters. 4. Das Zahlen und die Zahlungsmittel in Schwaben im Wandel der Zeiten. 5. Untersuchungen über das Münzwesen im oberen Neckargebiete zu den Zeiten der Hohenstaufer Kaiser. 6. Die Münzwirren und Heckenmünzen in Oberschwaben um die Wende des 17. Jahrhunderts. 7. Geschichte des Münz- und Geldwesens in Lindau. 8. Das Münz- und Geldwesen der Bodenseegegenden, des Allgäus und des übrigen Oberschwabens im 13. Jahrhundert. 9. Ravensburger Handel und Verkehr im Mittelalter. 10. Die Ulmer städtische Bankanstalt von 1620 als Hilfsmittel der Kippermünzprägung. 11. Die erste Finanzrechnung des österreichischen Amtmanns zu Rottenburg a.N. - Sonntag nach Pfingsten 1392 bis ebendahin 1394. 12. Geld- und Münzgeschichte der Pfalzgrafschaft Tübingen. 13. Der Münzbetrieb von Ulm und Augsburg in den Kriegsjahren 1703 und 1704. 14. Ravensburg und sein Verkehrsleben in den letzten 300 Jahren. 15. Ein ländlicher Münzschatz aus dem Schwedenkrieg. 16. Ein Goldmünzenfund von weltgeschichtlichen Folgen. 17. Italienische amtliche Münzfälschungen und das Auftreten der Stadt Lindau hiegegen. 18. Die Münzfälschungen von Masserano und Crevacuore und ihre Einfuhr nach Deutschland ums Jahr 1620. 19. Geld und Münze im Volksaberglauben. 20. Die Münzstätte Haldenstein und ihr Streit mit der Stadt Lindau im Jahr 1623. 21. Das Münzwesen der Grafen von Montfort-Tettnang. 22. Russisches Münzwesen unter dem Zaren Alexei. 23. Das Geld- und Münzwesen Württembergs vom 13. bis 17. Jahrhundert. 24. Das Münzwesen von Schaffhausen seit dem Ausgang des 17. Jahrhunderts. 25. Münzverbrecheralbum. 26. Der Geldkurs in vom Feind besetzten Landstrichen. Ein geschichtlicher Rückblick. 27. Das Nachstempeln französischer Sechslivrestaler in der Schweiz. 28. Nachstempeln groben Silbergeldes. 29. Kaspar Bernhard von Rechberg, ein bisher unbekannter Kippermünzherr. 30. Systematik der Marken alter und neuer Zeit. 31. Die grosse deutsche Geldkrise von 1620 bis 1623 und ihr Verlauf in Oberschwaben. 32. Münz- und Finanzpolitik einer vorderösterreichischen Landstadt [Konstanz]. 33. Geld- und Münzwesen [von Riedlingen und Buchau]. 34. Bilder aus der älteren Münz- und Geldgeschichte der Eidgenossen (Schaffhausen, Zürich, Schwyz). 35. Münz- und Geldgeschichte von Ulm in ihrem Zusammenhang mit derjenigen Schwabens. 36. Das Postwesen in Ulm und Oberschwaben bis zum Jahre 1806. III. Kleinere Beiträge: 37. Notiz aus dem K. Haus- und Staatsarchiv [in Wien]. 38. Urfehde des Alchimisten, Magister Peter von Rottenburg am Neckar, vom 1. März 1459. 39. Rezension zu: Karl Arnold, Anhaltisches Münzwesen im Siebenjährigen Kriege, Halle 1908. 40. Lesefrucht. 41. Kleinere Mitteilungen [aus dem Sitzungsprotokoll des Rats der Stadt Schaffhausen vom 2.9.1631 bzgl. Tübinger Buchhändler]. 42. Ein Flugblatt aus der Kipperzeit. 43. Augsburgisches Verbot der privaten Herstellung von Medaillen und Schaumünzen. 44. Nachgestempelte Taler des Herzogs Ulrich von Württemberg. 45. Einiges über die Heckenmünze in Brenz. 46. Gespenster in Münzhäusern. 47. Verzeichnis der von Dr. Gustav Schöttle, Postrat a.D., Tübingen, verfassten und veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten. IV. Würdigungen und Nachrufe (meist mit Literaturangaben): a. Berliner Münzblätter 46, 1926, 417 (zum 80. Geburtstag). b. Berliner Münzblätter 52, 1932, 476f. c. WVjh NF 38, 1932, 516 (J. Cahn). d. MBNG 50, 1932, 5f. e. Helmut Lanzl, Numismatiker des Bodenseegebietes, Jb. d. Vorarlberger Landesmuseumsvereins 1987, 141.
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